Appell der Schweizer digitalen Zivilgesellschaft

Gibt es einen schlechteren Zeitpunkt, um die öffentlichen Medien zu schwächen?
  • Abhängigkeit von Big Tech nicht weiter verstärken
  • Desinformation mittels verlässlichem Journalismus drosseln
  • Informationswelt nicht von Marktmacht abhängig machen
Unterstützende Organisationen:;
& more...
Ein wichtiger Aspekt der gravierenden Medienkrise, in der wir uns heute befinden, wird gerne übersehen: Die wahre Konkurrenz aller Schweizer Medienhäuser kommt heute nicht primär von anderen Schweizer Medien, sondern von globalen Tech-Plattformen und KI-Anbietern, die Aufmerksamkeit, Verbreitung und zunehmend auch Inhalte kontrollieren. In Zeiten von KI geht es nicht nur um Marktanteile – es geht um Vertrauen, Souveränität und die Funktionsfähigkeit unserer direkten Demokratie.
Ein vertrauensvolles Informationsökosystem
Wir alle leben in einem Informationsökosystem: Wir konsumieren Informationen, tauschen uns mit Familie und Kolleg:innen aus, erstellen Inhalte online. Dieses Ökosystem funktioniert nur, wenn wir den Quellen und dem Inhalt vertrauen können. Ohne verlässliche Information gibt es keine informierten Entscheidungen – und ohne informierte Entscheidungen keine starke Demokratie. Das gilt erst recht für die Schweiz als mehrsprachige «Willensnation».
Der KI-Sturm: Wenn «echt» und «künstlich» verschwimmen
Generative KI kann heute Texte, Bilder, Stimmen und Videos in Sekunden erzeugen. «Fake» ist nicht mehr die problembehaftete Ausnahme – sondern eine neue Normalität: Inhalte, die plausibel wirken, aber nicht wahr sind, sind omnipräsent. Das öffnet Tür und Tor für Manipulation – kommerziell (Klicks, Werbung) und politisch (Stimmung, Polarisierung, Desinformation). Wir müssen uns auf eine Welt einstellen, in der wir uns mit einer Flut von Inhalten konfrontiert sehen und das Falsche überall sein kann. Und in der professionelle, unvoreingenommene Überprüfung zu einer Schlüsselinfrastruktur der Demokratie wird.
Ein Ökosystem unter der Kontrolle von Plattformen
Unser Informationsfluss läuft immer stärker über wenige digitale Kontrollinstanzen: Plattformen und ihre Algorithmen entscheiden, was wir sehen – nach Kriterien wie Aufmerksamkeit, Erregung und Verweildauer. Das ist nicht neutral, sondern folgt klaren Marktinteressen. Und je mehr wir uns dort informieren, desto mehr werden öffentliche Debatten von privaten Regeln, intransparenten Prioritäten und Machtinteressen geprägt.
Wenn Interessen sich aufeinander ausrichten: Machtballung statt demokratische Kontrolle
Plattformbesitzer und politische Macht können ihre Interessen aufeinander «ausrichten» – sichtbar wird es jetzt in den USA. Besonders brisant ist dabei die Frage der Meinungsäusserungsfreiheit: Unter dem Etikett «Free Speech» können Regeln so verschoben werden, dass Hass, Einschüchterung oder gezielte Kampagnen verbreitet werden. Kritische Stimmen werden verdrängt. Entscheidungen darüber fallen oft in privaten Konzernzentralen – ausserhalb demokratischer Verfahren.
Warum ein nicht-kommerzieller Akteur jetzt entscheidend ist
Wenn Tech-Giganten die Verteilung und zunehmend die Erstellung von Inhalten dominieren, braucht es eine starke, unabhängige Gegenkraft im Informationsökosystem: einen medialen Service public, der dem öffentlichen Auftrag verpflichtet ist. Es geht nicht um Klickzahlen, nicht um Werbekunden, nicht um Plattformlogiken. Wo der Service public solide finanziert ist, ist das politische Wissen höher, es wird stärker über Themen berichtet, die keinen Gewinn versprechen, und er setzt Qualitätsstandards, die massgebend für die Demokratie sind. Ein starker Service public macht die Gesellschaft zudem widerstandsfähiger gegen Desinformation, weil er niederschwelligen Zugang zu geprüften Informationen und Einordnung bietet.
Was das mit der SRG zu tun hat – und mit Schweizer Souveränität
Im digitalen Zeitalter ist eine verlässliche Informationsinfrastruktur ein zentrales Stück Schweizer Souveränität. Die SRG ist ein Ort für Information, Einordnung und Debatte im Einklang mit Schweizer Recht und Werten, statt dass wir von US- oder chinesischen Plattformlogiken abhängig werden.
Warum die Halbierungsinitiative das Problem verschärft
Eine Halbierung bedeutet nicht «ein bisschen weniger SRG», sondern massive Einschnitte in Qualität, Vielfalt und Reichweite – in allen Sprachregionen. Private Medien können diese Lücke in einem kleinen, mehrsprachigen Land nicht einfach füllen. Und wenn der Service public geschwächt wird, weichen Menschen nicht automatisch auf privat finanzierten Qualitätsjournalismus aus. Sie weichen oft auf Plattform-Angebote und soziale Medien aus. Genau dort, wo Desinformation am schnellsten und billigsten skaliert.
Aus diesen Gründen sagen wir entschieden NEIN zur gefährlichen Halbierungsinitiative – es ist auch ein NEIN gegen Tech-Monopole, Beeinflussung und politische Agenden, die uns von wenigen Plattformbetreibern aufgenötigt werden.

Unterstützen Sie auch den Appell

Suchen